farbe ist nicht neutral. farbe ist kommunikation. und kommunikation kann ausgrenzend wirken — ohne dass es absicht ist.
2015 stellte IBM sich eine frage: wie können wir ein farbsystem machen, das nicht nur schön aussieht, sondern für alle sichtbar ist? eine frage, die kaum jemand stellt. die antwort wurde das IBM carbon design system — ein farbsystem für eine welt, die nicht normalsichtig ist.
als IBM das carbon design system entwarf, arbeitete ein internationales team. mike abbink als creative director hatte eine vision: "balancing mankind and machine." aber mike war nicht alleine. sadek bazaraa, design principal und multidisziplinärer künstler, beschäftigte sich mit einer komplexeren frage: welche farben sehen alle?
es gibt 300 millionen menschen mit deuteranopie (rotgrünblindheit). 300 millionen mit protanopie (eine andere form). und millionen weitere mit tritanopie oder partiellem farbsehen. ein farbsystem, das nur für "normales" sehen entworfen ist, ist ein system, das milliarden menschen ausschließt.
das ist nicht ethisch. das ist auch nicht intelligent.
IBMs antwort war, xiangjun "shixie" shi trofimov ins team zu holen. shixie ist eine seltsame designerin. sie hat physik studiert (brown university). dann filmwissenschaft (RISD). dann media design (ArtCenter). sie ist eine physikerin, die designerin wurde. und das ist wichtig, denn shixie versteht nicht nur farbe als kunst — sie versteht farbe als wahrnehmung.
carbon hat 120 farben. nicht weil 120 beliebig ist, sondern weil 120 einer logik folgt. 12 farbfamilien. je mit 10 helligkeitsstufen. von 10 (fast weiß) bis 100 (fast schwarz).
aber die skalierung ist asymmetrisch. das auge differenziert helle töne besser als dunkle. wenn du zwei weiße papiere hast und eines minimal dunkler machst, erkennst du den unterschied sofort. wenn du zwei schwarze papiere hast und eines minimal heller machst, erkennst du oft nichts.
carbon berücksichtigt das. die abstände zwischen 10, 20, 30 sind größer als die abstände zwischen 70, 80, 90. das ist wahrnehmungsdesign, nicht mathedesign.
alle farben sind auch "blau-geankert". das bedeutet: egal welche farbe, sie hat immer einen blaustich. das schafft kohäsion im gesamtsystem. das system fühlt sich wie ein system an, nicht wie eine ansammlung von farben.
die große innovation war der accessibility-ansatz. IBM ließ jede farbe gegen tritanopie, deuteranopie und protanopie überprüfen. jede farbkombination, die im carbon system verwendet wird, muss einen kontrast von mindestens 4.5:1 haben.
das ist WCAG 2.1 AA standard. nicht weil das gesetz es verlangt. sondern weil es richtig ist.
shixie führte die komplette neufassung mit diesem fokus durch. v2 des carbon design system war nicht eine kosmetische überarbeitung — es war ein redesign mit accessibility als führender designprämisse, nicht als nachträgliche checkliste.
das ist die revolution. nicht "barrierefreiheit ist wichtig" — sondern "beginne mit barrierefreiheit und das system wird besser für alle."
carbon hat auch eine dataviz-palette. 12 farben für charts und datenvisualisierung. und hier sieht man eine elegante kombination aus drei techniken:
erste stufe: algorithmus. generiere farben nach mathematischen regeln. zweite stufe: hybrid. verfeinere basierend auf perceptual distance. dritte stufe: manuell. designer sitzen hin, gucken sich die farben an, und sagen: "nee, das passt nicht." und korrigieren.
ein system ist am stärksten, wenn maschine und mensch zusammenarbeiten. nicht der algorithmus kontrolliert — nicht der mensch kontrolliert. beide.
der wichtigste satz, den IBM sagt, ist: "colors can't do it all."
farbe ist ein tool. aber farbe ist nie das einzige kommunikationsmittel. wenn du dich nur auf farbe verlässt, um informationen zu vermitteln, verlierst du sofort 10% der bevölkerung.
farbe + form. farbe + text. farbe + position. farbe + größe. erst dann funktioniert design wirklich für alle.
wir haben carbon jetzt als teil von nicecolors aufgenommen — unserem farbarchiv mit 2300+ farben aus allen designsystemen der welt. aber carbon ist mehr als "eine gute farbpalette."
carbon zeigt, wie systemdenken funktioniert. es zeigt, dass ein system nicht mit ästhetik beginnt. es beginnt mit einer frage: wer soll davon profitieren?
bei ono ist es das gleiche. ein 20×20 mm profil ist nicht schön geworden, weil es zufall war. es wurde schön, weil wir fragten: kann das profil zusammenpassen? kann es sich verbinden? kann jemand anderes es reparieren?
ein farbsystem, das alle sehen können. ein profil, das alle bauen können. ein möbel, das alle verändern können.
das ist nicht inklusion als pflicht. das ist inklusion als designproblembeschreibung. und wenn man das design-problem richtig versteht, entsteht etwas, das besser für alle ist — nicht trotz der einschränkung, sondern deswegen.
shixie, die physikerin-designerin, hat das verstanden. sie hat nicht gesagt: "wir machen farben und dann checken wir ob sie accessible sind." sie hat gesagt: "wir designen von anfang an für tritanopie, deuteranopie, protanopie." und das ergebnis ist ein system, das für normales sehen sogar besser funktioniert.
das ist systemdenken. das ist gutes design.
mehr inhalte wie diesen?
auf patreon teilen wir exklusive behind-the-scenes einblicke, werkstatt-videos und design-philosophie — und du unterstützt unabhängiges design aus dem schwarzwald.
ono auf patreon unterstützen